Der Weg zum Humanismus 4.0

Welche Rolle nimmt der Mensch zukünftig in einer technologisierten Welt ein? Im Augenblick gibt es darauf weltweit keine Antwort, weil wir die Grundfrage des Menschseins noch immer nicht geklärt haben. In Europa, der Wiege der Renaissance, hat diese Frage eine ganz besondere Bedeutung erlangt. Und von dort ausgehend, kristallisieren sich drei humanistische Strömungen heraus, die uns letztlich zum Humanismus 4.0 führen.

Humanismus 1.0 „uomo universalis“:
In der Renaissance stand der Mensch als schöpferisches Individuum im Mittelpunkt des Weltbildes. Der „Universalmensch“ wurde zum Ideal menschlicher Schaffenskraft und galt als vielseitig gebildet, aufgeschlossen, unabhängig von kirchlichen Dogmen und damit als selbstbestimmt. Das Ego erwachte.

Humanismus 2.0 „animal rationale“:
Im 18. Jhd. entwickelte sich eine zweite, grundlegend wichtige humanistische Strömung: die Aufklärung. Wissen wurde Macht. Einer der wichtigsten Vertreter dieser neuen Humanismus-Richtung war Immanuel Kant. Er definierte den Menschen als „animal rationale“ – als vernunftgesteuertes Wesen, und die Vernunft, so stellte schon Aristoteles fest, sei die wesentliche Eigenschaft, die den Menschen vom Tier unterscheide.

Humanismus 3.0 „Homo oeconomicus“:
Der Philosoph Eduard Spranger beschrieb den „Homo oeconomicus“ 1914 in seiner „Psychologie der Typenlehre“ wie folgt: „Der ökonomische Mensch im allgemeinsten Sinne ist derjenige, der in allen Lebensbeziehungen den Nützlichkeitswert voranstellt. Alles wird für ihn zu Mitteln der Lebenserhaltung, des naturhaften Kampfes ums Dasein und der angenehmen Lebensgestaltung.“ Obwohl der „Homo oeconomicus“ immer noch als ein rein theoretisches Modell gilt, hat er spätestens mit der Aufnahme in Sprangers Typenlehre den Status der Fiktion und des menschlichen Modellcharakters verloren, denn seine Geisteshaltung durchzieht und beherrscht unsere Wirtschaftswelt bis heute.

Humanismus 4.0: „Homo cooperativus“
In den letzten Jahrhunderten haben wir einen essen-ziellen Teil des Menschseins völlig ausgeklammert und verkümmern lassen: unsere angeborene Fähigkeit zur Kooperation. Das humanistische Modell der Zukunft ist der ganzheitliche, kooperative Mensch, der die Qualität und Fähigkeit zur Weiterentwicklung mitbringt, der in der Lage ist – wenn es darauf ankommt –, rational denkend Wissen und Kenntnisse neu zu verknüpfen, Fragen zu stellen, kreativ zu sein und der aber genauso gut auch in der Lage ist, seine zwischenmenschlichen Fähigkeiten zum Wohle der Menschen einzusetzen.